Ich muss nicht jede Lücke füllen.
03 / Präsenz Innen klar. Außen wirksam.
Da ist diese kurze Pause.
Mein Gegenüber sagt nichts. Früher hätte ich längst weitergesprochen. Noch einen Gedanken ergänzt. Eine Lösung angeboten. Oder die Aufgabe direkt übernommen.
Heute übe ich etwas anderes: nichts zu tun.
Die Stille stehen zu lassen.
Das klingt einfacher, als es für mich ist.
Wenn schnell zu schnell wird
Ich denke und formuliere schnell und sehe oft früh, wo eine Sache hinführen könnte. Das ist eine Stärke. Im Beruf hat sie mir oft geholfen.
Sie hat aber auch eine andere Seite.
Während mein Gegenüber noch nach Worten sucht, habe ich sie bereits ausgesprochen. Und bevor jemand zu Ende gedacht hat, liegt für mich die Lösung schon auf dem Tisch. Wo eine Lücke entsteht, bin ich ziemlich gut darin, sie zu füllen.
Nur: War es überhaupt meine Lücke?
Hätte mein Gegenüber den Gedanken selbst zu Ende geführt, wenn ich ihm die Zeit gelassen hätte?
Wäre eine andere Lösung entstanden?
Eine Pause darf auch einfach eine Pause sein.
Nicht automatisch reagieren
In letzter Zeit beobachte ich solche Momente häufiger.
Eine Freundin sagte zu mir: „Du bist noch klarer. Noch direkter.“
Es gibt auch andere Reaktionen. Einen irritierten Blick. Eine kurze Pause. Ein Gesprächspartner, der offensichtlich mit etwas anderem gerechnet hat.
Ich frage nach, wo ich früher einfach gemacht hätte. Ich formuliere deutlicher, was ich erwarte oder wie ich mir etwas vorstelle. Ich spiele einen Ball auch mal zurück, statt ihn automatisch anzunehmen.
Und ich reagiere nicht auf alles sofort.
Eine Nacht darüber schlafen. Einen Spaziergang machen. Durchatmen. Abstand verändert nicht zwingend meine Meinung, aber oft meine Antwort.
Einen Plan haben. Und ihn loslassen können.
Ich merke diese Veränderung auch beim Yoga.
Meine Stunden bereite ich nach wie vor vor. Ich überlege mir eine Sequenz, einen Schwerpunkt, einen Aufbau.
Früher wollte ich diesen Plan möglichst genau umsetzen. Heute gehe ich entspannter damit um.
Ich sehe genauer hin. Was passiert gerade im Raum? Wer braucht Motivation? Wer sollte eher gebremst werden? Funktioniert das, was ich vorbereitet habe, heute für die Schüler, die vor mir stehen?
Dann ändere ich etwas.
Nicht, weil Vorbereitung unwichtig geworden ist. Im Gegenteil.
Wer nichts vorbereitet hat, kann nichts loslassen.
Das gilt auch für meine eigene Praxis.
Nicht jeder Tag braucht eine herausfordernde Ashtanga-Praxis. An einem anderen Tag passt Yin besser. Eine Atemübung. Meditation. Oder schlicht weniger.
Früher war mein Blick auf die nächste Asana gerichtet, die ich noch nicht konnte.
Heute frage ich: Was brauche ich gerade?
Wahrnehmen statt abarbeiten
Ich arbeite nicht weniger fokussiert. Ich bin nicht plötzlich langsam geworden. Und mein Anspruch ist auch nicht verschwunden.
Aber zwischen Sehen und Handeln ist mehr Raum entstanden.
Raum, um wahrzunehmen.
Was passiert hier gerade wirklich?
Warum reagiert jemand so?
Was könnte hinter einer Entscheidung stehen, die ich zunächst nicht nachvollziehen kann?
Früher war mein Gedanke eher: Warum machen die das nicht einfach?
Heute interessiert mich die andere Seite.
Nicht, weil dadurch jedes Verhalten richtig wird. Verständnis bedeutet nicht Zustimmung.
Aber ein Perspektivwechsel verändert den Blick.
Das gefällt nicht immer
Innere Veränderung klingt ziemlich angenehm.
Mehr Klarheit. Mehr Präsenz. Mehr Achtsamkeit.
Nur hat auch diese Entwicklung zwei Seiten.
Menschen kennen uns. Sie wissen, wie wir reagieren, wie schnell wir sind und ob wir einspringen. Über die Zeit entstehen Erwartungen, meistens ohne dass sie ausdrücklich formuliert werden.
Und dann übernimmt einer plötzlich nicht mehr automatisch.
Das kann irritieren.
Ich glaube nicht daran, dass man sich nur innerlich verändern muss und das Außen sich anschließend wie von selbst passend sortiert.
So einfach ist es nicht.
Wir verändern unseren Anteil. Wie andere darauf reagieren, haben wir nicht in der Hand.
Das kann mehr Raum schaffen. Oder Reibung erzeugen. Denn wer sich verändert, verschiebt auch das, worauf andere sich bisher verlassen haben.
Im Kleinen
Ich merke die Veränderungen bei mir selten in den großen Momenten.
Eher in den kleinen.
In einer Pause, die ich nicht fülle. In einer Antwort, mit der ich bis morgen warte. In einer Yogastunde, deren Plan ich ändere. In einer Frage, die ich zurückgebe.
Oder in dem Moment, in dem ich merke: Ich muss das gerade gar nicht lösen.
Vielleicht zeigt sich innere Veränderung deshalb gar nicht zuerst in dem, was wir anders tun.
Sondern in dem, was wir nicht mehr automatisch tun.

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